Experten warnen: Vitamin- und Mineralstoffmangel kann Diabetes und metabolisches Syndrom fördern

November 2014

München - Wer jeden Tag einen Apfel isst, braucht keinen Arzt. Das behauptet zumindest das alte englische Sprichwort „An apple a day keeps the doctor away“ – Aber reicht die tägliche Obst- oder Gemüse-Portion tatsächlich aus, um auch Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck gesund zu erhalten? Und welchen Nutzen können Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente – die so genannten Mikronährstoffe oder Biofaktoren - im Hinblick auf die Prävention und Behandlung dieser Erkrankungen haben? Diesen Fragen stellten sich renommierte Wissenschaftler bei einem Symposium der Gesellschaft für Biofaktoren e.V. (GfB) am 1. November 2014 in München. Ihr Fazit: Die Bedeutung von Mikronährstoffen sollte im vielschichtigen Krankheitsgeschehen nicht unterschätzt werden. Denn eine Unterversorgung an einigen Vitaminen und Mineralstoffen tritt bei Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck häufig auf und kann das Voranschreiten dieser Erkrankungen mit ihren teils schwerwiegenden Folgen erheblich fördern.

Der Diabetes mellitus, die „Zuckerkrankheit“, hat epidemische Ausmaße angenommen: Etwa 6 Millionen Menschen werden in Deutschland wegen eines Diabetes behandelt – Tendenz steigend. Etwa weitere 2 bis 5 Millionen sind von der Stoffwechselstörung betroffen, ohne es zu wissen.1 Dem manifesten Typ-2-Diabetes geht in der Regel eine langes Vorstadium der Erkrankung voraus, in dem die Zuckerwerte nur leicht bzw. nur nach dem Essen erhöht sind. Sowohl diese Vorstufe als auch der manifeste Diabetes treten oftmals in riskanter „Gemeinschaft“ auf, nämlich zusammen mit bauchbetontem Übergewicht, Bluthochdruck und/oder Fettstoffwechselstörungen. Jeder dieser Faktoren für sich birgt ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – in Kombination potenziert sich die Gefahr. Etwa 25 % der Bundesbürger leiden an dieser gefährlichen Bündelung von Herz-Kreislauf-Risiken, die in Fachkreisen als metabolisches Syndrom bezeichnet wird.2 Auch die Entwicklung weiterer Folgeerkrankungen des Diabetes – wie z.B. Nervenschäden (diabetische Neuropathie) – setzt in der Regel bereits in einem frühen, meist noch unerkannten Stadium des Diabetes ein und kann schließlich die Lebensqualität und –erwartung der Patienten erheblich mindern.

Ernährungssituation zwischen Wunsch und Wirklichkeit

„Die stetige Zunahme der Zahl der Patienten mit Diabetes und metabolischem Syndrom ist eine schwerwiegende medizinische, soziale und ökonomische Herausforderung“, mahnte Prof. Joachim Schmidt, Pharmakologe aus Dresden. Da – bei entsprechender Veranlagung – primär Lebensstilfaktoren, wie Bewegungsmangel, Über- und Fehlernährung, zu dieser Entwicklung beitragen, müssten auch Prävention und Therapie an diesen Punkten ansetzen. „Dabei sollte auch der Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen besondere Beachtung geschenkt werden“, forderte Prof. Schmidt.
Eine Reihe dieser Stoffe seien sowohl in den Zucker-Stoffwechsels involviert als auch mit den Folgen seiner Störungen verbunden und daher für den Diabetiker von besonderer Bedeutung, so der Experte. Daher empfehlen Fachgesellschaften eine ausgewogene, vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung mit fünf Portionen frischem Gemüse und Obst pro Tag. Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier aber offensichtlich weit auseinander, wie Schmidt darlegte: Untersuchungen zum Ernährungsverhalten von Diabetikern in Deutschland haben gezeigt, dass nur rund 15 % der Diabetiker häufiger als einmal pro Tag Obst und 3,7% häufiger als einmal pro Tag Gemüse verzehren.3 „Damit isst die Mehrzahl der Diabetiker - und das trifft wohl auch für das metabolische Syndrom zu - trotz aller Hinweise und vielfältiger Ernährungsberatung zu wenig Obst und Gemüse und ist folglich auch unzureichend mit den erforderlichen Vitaminen und Mineralstoffen versorgt“, resümierte Prof. Schmidt. Dabei führten bereits marginale Mängel in der Zufuhr bestimmter Vitamine und Mineralstoffe zu negativen Effekten bei Diabetikern.

Minimum-Gesetz: Knappe Vitamin-Ressourcen begrenzen die Gesundheit

Welche schwerwiegenden Auswirkungen ein Mangel an nur einem Nährstoff auf den gesamten Organismus haben kann, verdeutlichte der Vorsitzende der GfB, Prof. Hans-Georg Classen von der Universität Stuttgart-Hohenheim, anhand des „Minimum-Gesetzes“, das der deutsche Chemiker Justus von Liebig 1855 popularisierte: Als Modell des Gesetzes fungiert die „Minimum-Tonne“, die sich nur bis zur Höhe der kürzesten Daube füllen lässt. „Genauso kann sich ein Organismus nur so weit entwickeln, wie es die knappste Ressource erlaubt“, erklärte Prof. Classen. So können Defizite an lebenswichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen zu limitierenden Faktoren für die Gesundheit der Patienten und den Therapie-Erfolg werden, wie auch Prof. Joachim Loew, Pharmakologe aus Wiesbaden deutlich machte: „Denn diese Substanzen regulieren wichtige Stoffwechselfunktionen, sind Bestandteile vieler Enzyme, schützen dank antioxidativer Eigenschaften die Körperzellen und sind in vielfältiger Weise für den Organismus unverzichtbar“, so Loew. Krankheits-, medikamentös oder ernährungsbedingt tragen Patienten mit Diabetes oder metabolischem Syndrom ein erhöhtes Risiko für einen Mangel an bestimmten Nährstoffen, die wiederum gerade für diese Patienten sehr wichtig sind, wie z.B. Magnesium, Vitamin D, BVitamine, Zink und Chrom. Ein Defizit an Zink oder Chrom könne beispielsweise die Wirksamkeit des Insulins, des Schlüsselhormons des Zuckerstoffwechsels, beeinträchtigen und so einen Diabetes fördern, erläuterte Prof. Loew.

Magnesium – bei Bluthochdruck und Diabetes immer im Auge behalten

Bluthochdruck und Diabetes mellitus sind häufig auch mit einem Magnesiummangel vergesellschaftet. „Große Studien haben gezeigt, dass hierbei die Ergänzung von Magnesium sowohl die Blutzucker- als auch die Bluthochdruckeinstellung verbessern kann“, berichtete Prof. Klaus Kisters vom St. Anna Hospital in Herne. Wobei insbesondere Patienten mit einem  bestehenden Magnesium-Mangel von einer Ergänzung des Minerals profitieren.
So habe das Magnesiumorotat, das Magnesiumsalz der Orotsäure, seine Wirksamkeit sowohl bei Bluthochdruck als auch bei Diabetes mellitus mehrfach bewiesen.4 Bei Patienten mit einer Herzschwäche konnte gezeigt werden, dass die Gabe von Magnesiumorotat zusätzlich zu einer Verbesserung der Lebenserwartung und auch der Lebensqualität führt5, so Prof. Kisters. In den neuesten Empfehlungen der Gesellschaft für Magnesiumforschung wird auch auf den besonderen Stellenwert einer Magnesiumtherapie bei Herzrhythmusstörungen hingewiesen.6

Vitamin B1-Mangel fördert diabetische Neuropathie und Gefäßschäden

Auch das Thiamin (Vitamin B1) spielt eine zentrale Rolle im Zucker-Stoffwechsel. „Doch gerade Patienten mit Diabetes mellitus weisen um bis zu 76% niedrigere Thiaminspiegel auf als Gesunde“8, führte Dr. Alin Stirban vom Profil Institut für Stoffwechselforschung in Neuss aus. Ursache ist eine erhöhte Ausscheidung des Vitamins über die Niere. Dieser Vitamin B1-Mangel könne sowohl diabetesbedingte Nervenschäden - die diabetische Neuropathie, eine der häufigsten Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus – verstärken als auch Gefäßkomplikationen fördern. „Es ist deshalb verständlich, wieso die Behandlung mit Thiamin oder Benfotiamin, eine für den Körper besser verfügbare Vorstufe des Vitamins B1, in der Therapie der diabetischen Neuropathie Anwendung gefunden hat“, sagte Dr. Stirban. Studien zeigten, dass Benfotiamin die Symptome der Neuropathie wie Kribbeln, Schmerzen und Taubheit in den Füßen lindern kann.9 Die Vitaminvorstufe greift offensichtlich in die Mechanismen ein, die zur Entstehung diabetischer Folgeerkrankungen beitragen, indem sie ein zentrales Enzym des Zuckerstoffwechsels aktiviert und so die Bildung nerven- und gefäßschädigender Abbauprodukte reduziert. „In der Therapie der diabetischen Neuropathie zählt neben Benfotiamin auch die vitaminähnliche Substanz Alpha-Liponsäure zu den Therapeutika, die an den Mechanismen der Nerven- und Gefäßschädigung ansetzt“, berichtete Prof. Hilmar Stracke vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Auch Alpha-Liponsäure (ALA) habe wichtige Funktionen im Zucker-Stoffwechsel und gleichzeitig antioxidative Eigenschaften, so Stracke. In mehreren Publikationen wurde die positive Wirkung von ALA auf die Reduktion der Neuropathie-Symptome beschrieben.

Alzheimer: Diabetes des Gehirns?

B-Vitamine, wie insbesondere das Thiamin, könnten auch im Hinblick auf das erhöhte Demenz-Risiko des Diabetikers von Bedeutung sein, wie Prof. Joachim Schmidt mit Verweis auf aktuelle Erkenntnisse ausführte: Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung komme es zur signifikanten Verminderung der Zucker-Verwertung im Gehirn. Daher werde Alzheimer auch als Diabetes des Gehirns bezeichnet. Außerdem sind in den Gehirnen der Patienten auch die Vitamin B1-Konzentrationen erniedrigt, wodurch wichtige Enzyme des Zuckerstoffwechsels, die das Vitamin für ihre Funktion benötigen, weniger aktiv sind. Ein Thiaminmangel führe nicht nur zur Störung der Zuckerverwertung im Gehirn, sondern könne auch weitere, für Alzheimer typische Veränderungen fördern, wie die Bildung von Plaques. „Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B1, speziell Benfotiamin, ist daher eine aussichtsreiche präventive und therapeutische Option“, folgerte Prof. Schmidt. Erste tierexperimentelle und klinische Studien gäben bereits Hinweise auf eine positive Beeinflussung des Morbus Alzheimer.
Auch Vitamin B12 und Folsäure erforderten im Hinblick auf Prävention und Therapie der Demenz besondere Beachtung, so Prof. Schmidt. Ein Mangel an nur einem der Vitamine kann dazu führen, dass sich ein schädliches Zwischenprodukt des Stoffwechsels, das so genannte Homocystein, anhäuft. Erhöhte Homocystein-Konzentrationen gelten als unabhängiger Risikofaktor für Demenz allgemein sowie für die Demenz vom Alzheimer-Typ im Speziellen. Gerade Diabetiker, die mit dem Antidiabetikum Metformin behandelt werden, sind häufig von einem Vitamin B12-Mangel betroffen.

Vitamin D: „Schattendasein“ als Stoffwechsel-Risiko

Nicht zuletzt sollte der Vitamin-D-Mangel als Risikofaktor für Stoffwechsel-Erkrankungen mehr beachtet werden, appellierte Apotheker Uwe Gröber, Leiter der Akademie für Mikronähstoffmedizin aus Essen: „Nach aktuellen Studien dürfte eine unzureichende Versorgung mit Vitamin D nicht nur die allgemeine und die kardiovaskuläre Mortalität erhöhen, sondern auch zahlreiche chronische Erkrankungen, wie Diabetes mellitus Typ-1 und Typ-2, fördern“, berichtete Gröber. Auch das Voranschreiten von der Vorstufe des Diabetes zum manifesten Diabetes Typ-2 werde entscheidend vom Vitamin D-Status beeinflusst.12 – Ein unterschätztes Problem, wie der Experte deutlich machte: Viele Menschen, insbesondere ältere, halten sich zu wenig im Freien auf, um die vom UV-Licht-abhängige Vitamin D-Synthese in der Haut im ausreichenden Maß anregen zu können. Hinzu kommt, dass die Haut mit zunehmendem Alter ihre Fähigkeit verliert, Vitamin D zu bilden. Auch zahlreiche Arzneimittel interagieren mit dem Vitamin-D-Stoffwechsel. Daher zählt Gröber „einen Vitamin D-Mangel (25-OH-D < 20 ng/ml) und eine Vitamin D-Insuffizienz (21-29 ng/ml) zu den häufigsten Gesundheitsproblemen unserer Zeit.“ Er rät bei Risikogruppen – und dazu zählen alle Senioren, Menschen mit Dauermedikation und wenig Aufenthalt im Freien – den Vitamin-D-Spiegel zu messen und bei einer Unterversorgung das Vitamin unbedingt zu ergänzen.

Insgesamt waren sich die Experten einig, dass alle Maßnahmen umgesetzt werden sollten, die zur erfolgreicheren Prävention und Therapie des metabolischen Syndroms und des Diabetes mellitus mit seinen Folgeerkrankungen beitragen können. – Und dazu zähle nicht zuletzt eine ausreichende Versorgung mit Biofaktoren. Wenn die Ernährung den erhöhten Bedarf der Patienten nicht decken kann, was häufig der Fall sei, sei eine gezielte Ergänzung der Nährstoffe angezeigt und von wissenschaftlich begründetem Nutzen.

Eine Broschüre mit einer Zusammenfassung aller Vorträge des Symposiums kann kostenlos bei der Gesellschaft für Biofaktoren angefordert werden: Gesellschaft für Biofaktoren e.V. – Postfach 400320 – 70403 Stuttgart – Fax: 0711 5406475 – E-Mail: info@gf-biofakforen.de

Quelle:
Symposium der Gesellschaft für Biofaktoren „Diabetes und metabolisches Syndrom: Prävention und Therapie mit Biofaktoren“ am 1.11.2014 in München

Literatur:
1 Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes, Mainz 2014
2 Eisenlohr H., Metabolisches Syndrom – Diagnose und Ernährungstherapie, Internist 2005, 46:57–68
3 Tiepolt S et al. Aktuel Ernaehr Med 2002; 27: 157-166
4 Schmidt J, Deutsche Apotheker Zeitung 1998; 18: 1664-1668
5 Stepura OB, Martynow AI, International Journal of Cardiology 134 (2009) 145–147
6 Gesellschaft für Magnesiumforschung e.V, Deutsche Medizinische Wochenschrift (DMW) 2013; 138: 1165-1171
7 Thornalley et. al., Diabetologia (2007) 50:2164–2170
8 Stracke H et. al, Exp Clin Endocrinol Diabetes 1996 ; 104 : 311-316; Stracke H, et al., Exp Clin Endocrinol Diabetes 2008; 116:600-605
9 Stirban A et al., Diabetes Care 2006; 29(9): 2064-2071; Stirban A. et al., Diabet Med 2013; 30:1204-1208
10 Seshadri et al, N Engl J Med., 346(7):476-83, 2002
12 Gröber U, Kisters K, Schmidt J, Micronutrients in diabetology: complemetary medicine update 2014. Med Monastschr Pharm, 2014; 37(7): 284-233.

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