Gesellschaft für Biofaktoren warnt: Vitamin B1-Verluste bei Diabetikern fördern Nerven- und Organschäden

Juli 2010

Wenn sich bei Diabetikern Folgeerkrankungen entwickeln, wie Nervenstörungen, Nieren- und Augenschäden, ist wahrscheinlich oftmals auch ein Mangel an Thiamin (Vitamin B1) mit im Spiel: Wie Wissenschaftler auf einem Symposium im Vorfeld der Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Stuttgart berichteten, ist ein Thiamin-Defizit bei Diabetikern häufig und folgenschwer: Die schädlichen Auswirkungen des erhöhten Blutzuckers auf Nerven, Blutgefäße und Organe werden dadurch forciert. Die Gesellschaft für Biofaktoren e.V. (GfB) weist daher darauf hin, dass "der Ausgleich dieses Vitamin-Defizits neben einer guten Blutzuckereinstellung erheblich mit dazu beiträgt, diabetischen Folgeerkrankungen entgegen zu wirken."

"Patienten mit Diabetes weisen im Vergleich zu Gesunden eine um 75% niedrigere Thiaminkonzentration im Blutplasma auf", sagte PD Dr. Burkhard L. Herrmann auf dem Diabetes-Symposium. Der Bochumer Diabetologe verwies auf wegweisende Studien britischer Wissenschaftler um Paul Thornalley: Denen zufolge beeinträchtigt der erhöhte Blutzucker schon in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung die Nierenfunktion, wodurch das Vitamin in großen Mengen über den Urin verloren geht. Thornalleys Untersuchungen zufolge ist die Thiamin-Ausscheidung bei Diabetikern 3- bis 4-fach erhöht.

Da Thiamin eine Schlüsselfunktion im Zucker- und Nervenstoffwechsel hat, bleibt ein massiver Mangel nicht ohne Folgen: Der Zuckerabbau gerät an einer zentralen Stelle ins Stocken, wodurch sich vermehrt toxische Abfallprodukte anreichern - wie die so genannten AGEs (Advanced Glycation Endproducts). Diese können Nerven und Blutgefäße schädigen und so diabetische Folgeschäden vorantreiben. "Den AGEs wird eine bedeutende Rolle in der Entstehung von Gefäßkomplikationen und Diabetes-Folgeerkrankungen zugeschrieben", bestätigte auch der AGE-Forscher Dr. Alin Striban vom Klinikum Bielefeld Mitte.

Wie können die exzessiven Thiamin-Verluste ausgeglichen werden? Einer Stellungnahme der GfB zufolge ist das über die Nahrung allein kaum möglich: "Die Nationale Verzehrsstudie II zeigt, dass durchschnittlich 21% der Männer und 32% der Frauen aufgrund einer ungünstigen Nahrungsauswahl nicht den für gesunde Erwachsene empfohlenen Tagesbedarf an Thiamin erreichen", erklärt Prof. Hans-Georg Classen, Vorsitzender der GfB. Von den Frauen im Alter zwischen 65 und 80 Jahren nehmen sogar 40% zu wenig von dem lebenswichtigen Vitamin über die Nahrung zu sich. "Ein krankheitsbedingter Mehrbedarf ist hier noch nicht berücksichtigt", gibt Classen zu bedenken.

Ein Diabetiker müsste nach Berechnungen der GfB etwa 5 mg Thiamin pro Tag zu sich nehmen. Das entspricht rund 2,5 kg Knäckebrot, 3,6 kg Eiernudeln oder 7,1 kg Kartoffeln. Selbst die besonders thiaminreichen Lebensmittel würden einen üblichen Speiseplan sprengen, so etwa mit 750 g Schweinefleisch, 1,3 kg Haferflocken oder 1,6 kg Linsen.

"Entsprechende Nahrungsmittelmengen zu verzehren ist weder realistisch noch empfehlenswert", bewerten die Wissenschaftler von der GfB.
Um bei Diabetikern einen Thiaminmangel zu vermeiden und nerven- und gefäßschützende Effekte zu erzielen, raten die Experten der GfB, das Vitamin in Form seiner fettlöslichen Vorstufe, dem Benfotiamin, zu ergänzen. "Benfotiamin wird vom Körper wesentlich besser aufgenommen als herkömmliches Thiamin", betont der Diabetologe Prof. Hilmar Stracke vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg. In den Zellen wird Benfotiamin dann in Thiamin umgewandelt. Die hohe Bioverfügbarkeit des Vitaminabkömmlings sei aber eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Thiamin in den erforderlichen Mengen in den Zielgeweben ankommt und diese vor aggressiven Zuckerabbauprodukten wie den AGEs schützt.

In der Behandlung diabetischer Nervenschäden (Neuropathien) wird Benfotiamin bereits erfolgreich eingesetzt (Präparate mit dem Wirkstoff sind rezeptfrei in Apotheken erhältlich). Klinische Studien zeigten, dass die Vitaminvorstufe nicht nur die Nervenfunktion verbessert, sondern auch Beschwerden wie Schmerzen, Missempfindungen und Taubheitsgefühle deutlich lindert - und dabei sehr gut verträglich ist.

Die nachfolgende Tabelle enthält Beispiele für Lebensmittelmengen, die dem erhöhten Thiaminbedarf des Diabetikers entsprechen.

Lebensmittel (LM) Thiamin-Gehalt des essbaren Teils von 100 g eingekaufter Ware (nach DGE) LM-Menge, die dem erhöhten Thiamin-Tagesbedarf des Diabetikers entspricht (nach Berechnungen der GfB)2
Eier-Nudeln 0,20 mg 3,6 kg*
Kartoffeln 0,10 mg 7,1 kg*
Reis (poliert) 0,05 mg 14,3 kg*
Vollreis 0,40 mg 1,8 kg*
Schweinefleisch (mager) 0,90 mg 0,8 kg*
Weiße Bohnen / Linsen 0,45 mg 1,6 kg*
Fenchel oder Rosenkohl 0,10 mg 7,1 kg*
Knäckebrot 0,20 mg 2,5 kg
Haferflocken 0,40 mg 1,3 kg
Sonnenblumenkerne 1,90 mg 0,3 kg
Cashewkerne 0,63 mg 0,8 kg
Orangen 0,06 mg 8,3 kg
Orangensaft 0,10 mg 5,0 kg

2Basis der Berechnungen:
Der Tagesbedarf eines gesunden Erwachsenen beträgt laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) 1,0 bis 1,2 mg Thiamin. Bei Diabetikern ist aufgrund der erhöhten renalen Thiamin-Ausscheidung nach Berechnungen der Gesellschaft für Biofaktoren e.V. (GfB) eine Tageszufuhr von mindestens 5 mg Thiamin erforderlich, um einen Mangel zu vermeiden.

*Bei Nahrungsmitteln, die üblicherweise gekocht werden, wurde ein Kochverlust von durchschnittlich 30% berücksichtigt, da Thiamin sehr thermolabil ist.

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