Übersichtsarbeit ADHS (Aufmerksamkeits-defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom): Gibt es natürliche medikamentöse Alternativen oder Ergänzungen zu Ritalin & Co.?

April 2008

In jedem Klassenzimmer sitzt oder "hampelt" im Durchschnitt ein "Zappelphilipp" herum: Er bringt Lehrer und Eltern zur Verzweiflung, kann nicht still sitzen, sich nicht konzentrieren und eckt auch bei Klassenkameraden ständig an.

Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) sind 2-6 % aller Kinder und Jugendlichen vom Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) betroffen, Jungen etwa fünfmal häufiger als Mädchen. In Deutschland sind das etwa 500.000 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren.
Die Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) geht sogar von einer noch höheren Zahl aus: "Schätzungsweise10 % aller Kinder leiden zumindest unter milden Formen von ADHS, die Hälfte ist behandlungsbedürftig."

Wie äußert sich ADHS?

ADHS ist ein Störungsbild mit der Kombination von Unaufmerksamkeit, überschießender Impulsivität und oft extremer Unruhe (Hyperaktivität). Die Symptome können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, und nicht immer müssen alle Anzeichen gleichzeitig auftreten. Bei manchen Kindern dominiert beispielsweise die Hyperaktivität, bei anderen die Aufmerksamkeitsschwäche. Daher zappelt nicht jedes ADHS-Kind ständig herum. Aber alle Betroffenen fallen aus dem Rahmen - sowohl in der Schule als auch im häuslichen Umfeld.
Die Folgen reichen von schlechten Schulleistungen und Abschlüssen über Probleme, soziale Beziehungen aufzubauen, bis zu einem erhöhten Unfallrisiko.

Eine Gefahr besteht darin, jedes aktive, quirlige oder verhaltensauffällige Kind vorschnell als hyperaktiv einzustufen. Daher ist eine genaue Diagnostik von einem erfahren Kinder- und Jugendarzt sehr wichtig.
Ein Kriterium ist dabei, dass die Störung vor dem Alter von 6 Jahren beginnt und mindestens in 2 Lebensbereichen (z.B. in der Schule oder in der Familie) über mehr als 6 Monate auftritt.

Etwa zwei Drittel der Kinder mit ADHS behält die Erkrankung ein Leben lang. In der Pubertät und im Erwachsenenalter ändert sich allerdings ihr Erscheinungsbild: Anstelle einer überschießenden Motorik tritt dann eher eine erhöhte innere Unruhe, Schusseligkeit, Vergesslichkeit und Unorganisiertheit auf. Bei Jungendlichen und Erwachsenen mit ADHS besteht ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen.

Ursachen

Nach derzeitigem Forschungstand ist von einer multifaktoriellen Verursachung von ADHS auszugehen. Auf neurobiologischer Ebene geht man heute von einer komplexen Störung des Katecholaminhaushalts im Gehirn aus: Die Botenstoffe Noradrenalin, Serotonin und Dopamin sind nicht im Gleichgewicht, wodurch die Reizweiterleitung und Informationsverarbeitung gestört ist. Für die Kinder ist es schwer herauszufinden, wann welcher Reiz wichtig ist. Ihnen fehlen quasi die "Scheuklappen". Da das Zusammenspiel der Botenstoffe auch für das Verhalten verantwortlich ist, kann ein Ungleichgewicht zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Die individuell unterschiedlichen Symptome scheinen davon abhängig zu sein, welcher Botenstoff unzureichend vorhanden ist. Die erbliche Disposition scheint dabei eine wesentliche Rolle zu spielen, eventuell aber auch pränatale Einflüsse. Der individuelle Verlauf der Erkrankung wird dann auch durch psychosoziale Faktoren und Umweltbedingungen beeinflusst.
"Eine kausale Behandlung von ADHS, bei der Veränderungen von Neurotransmitteraktivität regulierenden Genen ursächlich eine wesentliche Rolle spielen, ist nicht möglich", heißt es in den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte.

Therapie

Je nach Erscheinungsbild und Schweregrand der Erkrankung kommen medizinische, pädagogische, psychologische und psychotherapeutische Maßnahmen in Frage (multimodale Therapie).
Die Therapieansätze sollten auch Eltern (Verhaltenstraining), Lehrer und Erzieher (Aufklärung) mit einbeziehen
Das Selbstinstruktionstraining des Kindes, bei dem es lernt, mit dem impulsiven und unorganisierten Verhalten richtig umzugehen, ist die erste Maßnahme.
Eine zusätzliche medikamentöse Therapie wird empfohlen, wenn Elterntraining und Verhaltenstherapie nicht ausreichen und Kind oder Umwelt schon erheblich beeinträchtigt sind.

Folgende Medikamente kommen zum Einsatz, die das Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn regulieren und so die Konzentration, Ausdauer und Aufmerksamkeit der Kinder steigern sollen:

- Vorrangig werden Psychostimulanzien wie Methyphenidat (z.B. Ritalin) verordnet. Methyphenidat setzt die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn frei.
Nach Angaben des Bundesverbands der Kinder und Jugendärzte mindert Methylphenidat bei 70 bis 90 % der Kinder die Beschwerden wie Unaufmerksamkeit, Ruhelosigkeit und mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Ritalin wirkt schnell, hat aber durch seine kurze Halbwertzeit nur eine Wirkdauer von etwa 4 Stunden. Retardierte Präparate können einen ganzen Tag abdecken.

- Bei Patienten, die auf Methylphenidat nicht ausreichend positiv ansprechen oder unter dieser Therapie eine Tic-Störung entwickeln, wird häufig das Sympathikomimetikum Amphetaminsulfat angewendet (auch eine häufig missbrauchte Droge: "Speed").

- Neben Stimulanzien kommen auch Antidepressiva und Beruhigungsmittel zum Einsatz:
- Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie Atomoxetin (z.B. Strattera)
- Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie Venlafaxin (Trevilor)
- Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Fluoxetin
- Noradrenalin- und Serotonin-Agonisten wie Mirtazapin
- Monoaminooxidase-Hemmer
- Reversible Monoaminooxidase-Hemmer


Welcher Wirkstoff in welcher Dosierung geeignet ist, muss individuell herausgefunden werden. Die Einstellung erfolgt nach der Titrationsmethode.
Die medikamentöse Therapie kann ADHS nicht heilen, sondern lediglich Symptome lindern und zwar nur in dem Zeitraum der Einnahme. Dabei treten oftmals Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Kopf- und Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Depressivität etc. auf.
Experten weisen darauf hin, dass eine medikamentöse Therapie nur
- in ganz eindeutigen, mittleren bis schweren Fällen,
- nicht vor dem 6. Lebensjahr
- und immer im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie angewendet werden soll.

Biofaktoren-Therapie

Relativ neu ist ein Behandlungsansatz mittels Biofaktoren-Therapie. Dabei werden Omega-3-Fettsäuren, Magnesium, Zink und Vitamin E substituiert.

Ein Defizit an dem vor allem in Vollkornprodukten, Nüssen und Hülsenfrüchten enthaltenen Mineralstoff Magnesium kann Nervosität, Konzentrationsstörungen und eine erhöhte Reizbarkeit verursachen.
In diesem Zusammenhang scheint auch Stress eine Rolle zu spielen: Heranwachsende Individuen reagieren besonders sensibel auf einen Magnesium-Mangel, u.a. auch mit einer erhöhten Stress-Empfindlichkeit, die leicht in einen Teufelskreis führt: Denn Stress fördert wiederum Magnesium-Verluste und verstärkt somit den Mangel an dem Mineralstoff, wie umfangreiche Studien u.a. von Prof. Classen, Universität Hohenheim, gezeigt haben. Bereits ein mütterlicher Magnesium-Mangel während der Schwangerschaft kann die Stress-Resistenz der Nachkommen vermindern, wie die Arbeitsgruppe von Prof. Fehlinger, Charité Berlin, bereits 1982 nachwies (Mg-Bulletin 1982; 4: 182-8). Nimmt andererseits die Stress-Belastung ab, verringern sich die Mg-Verluste und die Bilanz wird verbessert, so wie auch nach ausreichend erhöhter Magnesium-Zufuhr. Tatsächlich beobachteten Schmidt et al. (Psychiatry Res. 1994; 54: 199-210) bei hyperaktiven Jungen nach dreiwöchiger Behandlung mit den Stimulantien Dextroamphetamin oder Methylphenidat (n=14/Gruppe) neben einer Besserung der Symptomatik eine Normalisierung des anfänglich verminderten Plasma-Magnesium!

Vor diesem Hintergrund sind die Studienergebnisse vom Arbeitskreis um M. Mousain-Bosc (Universität Nimes/Frankreich) von besonderem Interesse (Magnes. Res. 2006; 19: 46-52): Im Vergleich zu gesunden Kontrollen war bei 40 Kindern mit ADHD das intrazelluläre Mg anfänglich vermindert. Nach 8-wöchiger Supplementation mit Magnesium plus Vitamin B6 (6mg/kg/d bzw. 0,6mg/kg/d) besserte sich gleichzeitig die klinische Symptomatik mit einer Normalisierung des Magnesium-Status. Wurde die Supplementation unterbrochen, fiel das Mg wieder ab und innerhalb weniger Wochen kehrten die Symptome zurück.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Einsatz von Magnesium bei ADHS indiziert, allein oder in Kombination mit bzw. als Ersatz für Ritalin.

Empfehlenswert ist es, den Mineralstoff in Verbindung mit dem Biofaktor Orotsäure als Magnesium-Orotat zu ergänzen.
Der Biofaktor Orotat unterstützt die intrazelluläre Bindung des Magnesiums und wirkt stressbedingten Verlusten des Wirkstoffs entgegen.
Gleichzeitig ist die körpereigene Substanz ein Vorläufer (Präkursor) für Pyrimidin-Nucleotide und Ribonucleinsäuren, die für die Hirnleistung - und Entwicklung unverzichtbar sind. Ein Mangel an Orotat (Orotsäure) erzeugt einen Engpass im Hirnstoffwechsel, der sich auf Gedächtnis und Lernen negativ auswirken kann.

Die Gabe von Fettsäuren basiert auf der Erkenntnis, dass ADHS-Patienten im Blutplasma erniedrigte Konzentrationen an bestimmten Fettsäuren haben, die im Gehirn wichtige Funktionen haben, bzw. dass das Arachindonsäure/Eicosapentaensäure-Verhältnis (AA//EPA bzw. Omega-6-FS/ Omega-3-FS) erhöht ist.
Die Ergänzung von Omega-3-Fettsäuren kann dieses Ungleichgewicht wahrscheinlich positiv beeinflussen. Auch Gamma-Linolensäure scheint für den Gehirnstoffwechsel wichtig zu sein und die Plasmakonzentration der Fettsäure negativ mit den Symptomen von ADHS zu korrelieren.
Mögliche Ursache des Ungleichgewichts der Omega-3 zu Omega-6-Fettsäuren kann eine gestörte Aktivität des Enzyms Delta-6-Desaturase bei ADHS-Patienten sein, das für seine Aktivität wiederum auch Zink und Magnesium benötigt.

Neuere Erkenntnisse weisen darauf hin, dass auch Zink möglicherweise einen positiven Einfluss auf die Imbalance der Neurotransmitter im Gehirn hat und so ADHS bessert.
Einer Studie türkischer Wissenschaftler zufolge besserten sich bei Kindern mit ADHS die Symptome wie Hyperaktivität, Impulsivität und beeinträchtigte Sozialkompetenz, wenn sie mit Zink behandelt wurden.

Bei der Ernährung wird außerdem empfohlen, den Konsum von Lebensmitteln mit hoher glykämischer Last zu vermeiden.
Auch eine Oligo-Antigene-Diät kann bei ADHS wirksam sein: Hierbei wird etwa vier Wochen lang eine allergisch unbedenklichen Diät verabreicht. Bessert sich dadurch die Symptomatik, werden nach und nach Nahrungsmittel zugesetzt, um zu prüfen, wann sich die Symptomatik wieder verschlechtert.

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E-Mail: info@gf-biofaktoren.de

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